Ich dachte, ich schreibe über den Sommer hier. Vielen ist es nicht bewusst, dass "Sommer" eigentlich nicht "Sommer" heißt, sondern "Straßenbauzeit". Es ist eine lange Tradition, die von den ursprünglichen deutschen Einwanderern stammt. Laut Legende haben die Indianer in dieser Gegend dieselbe Tradition gehabt. Jedes Jahr um diese Zeit fangen Männer mit orangefarbigen Helmen an, die Straßen auszureißen. Alle. Auf ein Mal. Der Busverkehr kommt zum Stillstand, Großmütter dürfen die Kreuzungen nicht mehr überqueren. Ein FDJler kann da auch nicht behilflich sein.
Hier ist aber eine Feier angesagt! Der Bürgermeister lässt eine große Tribüne aufrichten, worauf er jedes Jahr eine feierliche Rede zum Beginn der Straßenbauzeit hält. Es wird Cola getrunken; Feuerwerke werden von den Kleinen angezündet. Die summen über Lake Mendota ins Finsternis der ersten Nacht der Straßenbauzeit.
In der E. W. Avenue wechseln die Straßenbauarbeiter jeden Tag die Spuren, die offen zum Verkehr stehen. Wo im Winter sechs Fahrbahnen streckten, drei nach Westen und drei nach Osten, bleiben nur zwei übrig. Montags darf man nur auf der rechten Seite fahren. Dienstags, Mittwochs und Bastille-Tag ist das Fahren nur auf der linken Seite erlaubt. Das Tempo wird von 40 Stundenmeilen bis zu 15 Stundenmeilen gesenkt, damit all die Kinder, die die große Straße entlang tagtäglich stehen, ein bisschen mehr die Autoparade schätzen können. Kuck da! Ein Cabrio mit einem kahlen Mann am Steuer. Wo bleibt die Perücke? Vom Winde verweht! Und nun kommt ein alter Dodge, durchgerostet und offenbar ohne funtionierende Klima-Anlage. Die Fenster sind alle offen, und 15 schmutzige Kinder schauen von den Hinterfenstern starr aus. Die Kinder an den Straßenseiten lachen und jubeln. Vielleicht bekommen sie noch eine kleine Süßigkeit von dem Auto? Da ist leider nur den Stinkefinger zu sehen, und das schon zum dritten Mal. Die Kinder wollen was Neues!
Aber nicht nur die E. W. Avenue liegt in Trümmern, sondern auch die andere Hauptverkehrsader der Stadt. Und dieses Jahr wird Straßenbauzeit besonders schön gefeiert! Dort wird nämlich nicht nur die rechte Spur neu betoniert, sondern die zwei linken Spuren werden für jeglichen Verkehr völlig gesperrt, da ein neues Hochhaus schnell zusammengebastelt wird. Solche Baustellen hab ich seit Speer nicht mehr gesehen! Solcher Eifer! Und ein Block weiter, noch ein neues Gebäude, diesmal für die Business-School.
Der Bürgermeister freut sich außerordentlich über die diesjährige Straßenbauzeit. Ihm schwebe nämlich eine neue Straßenbahn vor. Aber will er sie dieses Jahr bauen, denn die Straßen werden sowieso neu gepflastert, und es würde die spätere Arbeit erleichtern, die Schienen diese Straßenbauzeit zu legen. Nein, meint er, wir müssen bis nächste Straßenbauzeit warten, damit wir dann richtig feiern können. Und die Kinder sind schon darauf begeistert.
1 Kommentar:
Lieber E.,
Danke, dass Du für mich gastbloggst. (Das Wort hab ich gerade so erfunden.) Echt toller Beitrag... besonders das zweite Foto. Seit wann gibt es denn in Madison Palmen??? Ist das eine Trümmerfrau im Vordergrund? Sehr witzig! Ich hoffe, Du schreibst noch mehr solche witzigen Beiträge.
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